Rückblick 2014

4. Jahrestagung Innovationsforum Energie
27. und 28. März 2014 | Zürich, Schweiz

Programm als PDF

Smart Technologies | Virtuelle Kraftwerke | Energieeffizienz | Wertschöpfung

Das mit über 160 Teilnehmenden sehr gut besuchte 4. Innovationsforum Energie zeigt den Umbruch in der Branche. Einerseits durch die Jahr für Jahr deutlich steigende Zahl der Teilnehmenden und andererseits durch die Vorträge und die Podiumsdiskussionen. Interessant ist die Entwicklung, wie konzeptionelle Lösungen, welche vor einigen Jahren am Innovationsforum skizziert wurden, ihren Weg in den Markt finden. Gleichzeitig fällt allerdings auf, wie wenig greifbar die Ergebnisse nach zehn Jahren Smart Home sind. Dagegen schreitet die Automatisierung der Verteilnetze langsam aber stetig voran.

Ausbildung und Forschung zur Energiewende an der ETH Zürich war das Einstiegsreferat von Christian Schaffner. Versorgungssicherheit müsse nach hundert Jahren neu definiert werden und dies bedinge unter anderem auch eine Lösung für das zunehmende Auseinanderklaffen des Überangebots von Strom („Energy only“) und die Zunahme der Amplituden und Häufigkeiten kurzfristiger sowohl positiver als auch negativer Lastspitzen. Mit der unerwartet hohen Zunahme der Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen besteht im Markt ein Überangebot an Strom, konventionelle Kraftwerke sind deswegen häufig nicht mehr wettbewerbsfähig. Mittelfristig ebenfalls nicht wettbewerbsfähig sind die neuen Pumpspeicherseen, welche trotz zunehmender Lastspitzen nicht die notwendigen jährlichen Betriebsstunden erreichen, um wirtschaftlich zu sein. Hier skizzierte Michael Ritzau das Modell des Verbands kommunaler Unternehmen in Deutschland für einen Kapazitätsmarkt. Im Gegensatz zu den gegenwärtig in den Eidgenössischen Räten diskutierten Lösungen für die Speicher- und Pumpspeicherseen wird vollständig auf die Marktkräfte gesetzt: Neben dem heutigen Markt für Strom wird ein Markt für Leistung etabliert. Konsumenten müssten demnach in Zukunft nicht nur Strom als physikalische Arbeit, sondern auch ein Leistungszertifikat erwerben. Das Leistungszertifikat wird regulierbaren Kraftwerken ausgestellt und über z.B. die Börse gehandelt. Diese Lösung würde die günstigsten regelbaren Kraftwerke bevorteilen und die Endkonsumenten motivieren, Leistungsspitzen zu kappen. Einig waren sich die Podiumsteilnehmer, dass die Bereitschaft der Politik in Europa gering ist, das Thema Kapazitätsmarkt voran zu treiben. Bis ein Kapazitätsmarkt etabliert ist, werden deswegen voraussichtlich noch einige Jahre vergehen.

Beim Pooling dezentraler Produktion und Demand Side Management (die aktive Steuerung von Verbrauchslasten) entwickeln sich marktreife Steuerungslösungen, welche von Schweizer KMU auf den Markt gebracht werden. In diesem Zusammenhang ist überraschend, wie einzelne Lösungen bereits dezentrale Batteriespeicher in den Pool einbeziehen. Philipp Eisenring von Ampard zeigte auf, dass dezentrale Batteriespeicher bereits heute mit kleineren (Pump-)Speicherseen konkurrieren können. Daher stellt sich die Frage, ob hier die Marktentwicklung nicht ähnlich falsch prognostiziert wird wie beim Rollout von Windkraft- und PV-Anlagen. Sollte sich der Einsatz dezentraler Batterielösungen ähnlich weiter entwickeln wie bisher, so würde dies die Wirtschaftlichkeit von regelbaren konventionellen Kraftwerken zusätzlich verschlechtern.

Waren in den vergangenen Jahren die Diskussionen um den Stromvertrieb stark geprägt vom Marketing, so hat sich dies nun fundamental geändert. Tobias Andrist, EBL, berichtete von seinen Vertriebserfahrungen in Deutschland und den Konsequenzen für seine Prozesse und Systeme in der Schweiz. Jan Lengerke ergänzte dies durch seine Ausführungen zu Deutschlands grösster Energievergleichs- und Wechselplattform Verivox.de. Marketingmassnahmen sind im Massenkundenvertrieb von untergeordneter Bedeutung; vielmehr stehen der Internetvertrieb und die Direktansprache via Callcenter oder Haustürvertrieb im Zentrum. Gleichzeitig gilt es die gesamten Backoffice-Kosten tief zu halten. Was den Vertrieb bei den marktberechtigten Kunden anbelangt, so war neu, dass Verivox als Vergleichsportal in den Vertrieb bei KMU-Kunden eintritt. Frau Lipgens zeigte zudem auf, wie ein erfolgreicher Vertrieb von Dienstleistungen bei KMU-Kunden aussehen kann, bei welchem Strom quasi zum Nebenprodukt wird.

Die Politik wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Energieeffizienzziele formulieren, welche EVU zukünftig umzusetzen haben. Hier zeigte der Verwaltungsratspräsident der BKW, Nationalrat Gasche, auf, wie ein marktnahes System entwickelt werden kann, welches für die EVU die Chance bietet, neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Dass die EVU nicht selbst in Effizienzmassnahmen investieren müssen, machte Andreas Surányi, ABB in seinem Vortrag klar, der ein integriertes Modell für die Erschliessung von Effizienzpotentialen durch die EVU vorstellte. ABB sieht sich als Technologiepartner und „Enabler“, der die EVU, falls gewünscht, auch mit unabhängigen Investoren zusammenbringt. Bezüglich Energieeffizienz stehen wir noch ganz am Anfang, doch wird es spannend sein, hier die weitere Entwicklung zu verfolgen.

Als Fazit des Innovationsforum Energie 2014 kann festgehalten werden, dass nicht mehr (nur) von Konzepten gesprochen wird, sondern, dass der Markt praktische Erfolgsgeschichten aufzeigt. Der Markt ist definitiv im Umbruch, dies ist für viele EVU ein grosses Risiko. Alpiq und BKW als grosse Player sehen dies jedoch auch als Chance, um aus der gegenwärtigen Krise neues Geschäft im Dienstleistungsbereich aufzubauen.

Nicht zuletzt die produktiven Diskussionen, das ausgezeichnete Networking sowie die sehr gute Stimmung aller Teilnehmenden und Referenten rundeten den Erfolg der Tagung ab.

Am 19. und 20. März 2015 wird der Anlass zum fünften Mal stattfinden. Die Agenda für das Innovationsforum Energie 2015 wird im Herbst 2014 veröffentlicht.

www.innovationsforum-energie.ch

Themenschwerpunkte der 4. Jahrestagung waren:

  • Energieeffizienz als Geschäftsmodell für Energieversorger
  • Praxiserfahrungen mit Smart Technologies und Virtuellen Kraftwerken
  • Geschäftsmodelle im Bereich Energiespeicherung und Smart Grid
  • Künftiges Marktdesign: Produktion, Grosshandel, Netze, Versorgung
  • Erfahrungen mit Vertrieb im freien Markt
  • Online Pricing, Beschaffung und Vertrieb
  • Dezentrale Erzeugung und Zielnetzplanung

Folgende Referenten haben auf der 4. Jahrestagung mitgewirkt:

  • Dr. Bernd Kiefer, Mitglied Verwaltungsrat und Partner, Fichtner Management Consulting AG Schweiz
  • Dr. Christian Schaffner, Executive Director, Energy Science Center, ETH Zürich
  • Urs Gasche, Nationalrat und Präsident des Verwaltungsrates, BKW AG
  • Christian Grasser, Geschäftsführer, Schweizerischer Verband der Telekommunikation (asut)
  • Prof. Alexander Klapproth, Leiter iHomeLab, Hochschule Luzern
  • Dr. Karl Werlen, CEO, Misurio AG
  • Thomas Stadler, Leiter Geschäftskunden & Energieeffizienz, Alpiq AG
  • Dr. Michael Ritzau, Geschäftsführer, BET Aachen GmbH
  • Sven Becker, Sprecher der Geschäftsführung, Trianel GmbH
  • Niklaus Zepf, Leiter Corporate Development, Axpo
  • Dr. Martin Eschle, Leiter Markt Westeuropa, Alpiq AG
  • Dr. Romeo Deplazes, Leiter Markt und Kunden, ewz
  • Dr. Tobias Reichmuth, Gründer und CEO, SUSI Partners
  • Stefan Dörig, Energy Policy Coordinator, Mission der Schweiz bei der Europäischen Union
  • Jan Lengerke, Chief Product Officer, Verivox GmbH
  • Tobias Andrist, Geschäftsführer EBLD Schweiz Strom GmbH und Mitglied der Geschäftsleitung, Strom bei der EBL
  • Daniela Lipgens, CEO, Klartext Vertrieb
  • Philipp Eisenring, Executive Chairman, Ampard Ltd.
  • Andreas Surányi, Business Development Head - Energy Efficiency, ABB Switzerland Ltd.
  • Dr. Christian Hofmann, Leiter Entwicklung robotron*ecollect, Robotron Datenbank-Software GmbH
  • Daniel Ramsauer, Geschäftsführer, BET Dynamo Suisse SA
  • Mario Jordi, Leiter Vertrieb und Beratung, Mitglied der Geschäftsleitung, Youtility AG
  • Dr. Moritz Bissegger, Leiter Solutions, BKW Energie AG
  • Christian Glauser, Leiter Energiewirtschaft & Beschaffung, Youtility AG
  • Xaver Holdener, Betriebsleiter, Gemeindewerke Horgen
  • Dr. Giorgio Tognola, Leiter Handel & Vertrieb, Azienda Elettrica Ticinese
  • Thomas Winter, Leiter Vertrieb & Beschaffung, Stadtwerke Winterthur
  • Rodrigo Weiss, Managing Director, SUSI Partners
  • Charles Moser, Senior Berater, Fichtner Management Consulting AG Schweiz
  • Dr. Bernhard Wille-Haussmann, Gruppenleiter Energiemanagement und Netze, Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE


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